18 Feb. Alle Gläser hoch – auch die mit Tränen drin
Darf man eigentlich Konfetti werfen, wenn einem eigentlich nach Rückzug zumute ist? Ich habe mich dieses Jahr einfach mal wieder getraut, mich mitten ins Leben zu stürzen. Und dabei habe ich festgestellt: Das kölsche Herz ist groß genug für beides – die stille Trauer und den lauten Jubel.
Seit über sechs Jahren lebe ich nun schon mit meinem Verlust. Traurigkeit ist für mich kein seltener Gast mehr, sondern eher eine Mitbewohnerin, mit der ich mich recht gut arrangiert habe. Manchmal ist sie so präsent, dass ich fast vergesse, wie sich die anderen beiden – Leichtigkeit und Frohsinn – eigentlich anfühlen.
Doch dieses Jahr habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich wollte feiern. Ich wollte mich hineinstürzen in das bunte, laute, jecke Treiben. Es fing ganz leise an, mit Schere und Kleber am Basteltisch, beim Erschaffen einer neuen Hülle, in die ich für ein paar Tage schlüpfen konnte.
Kleiner Disclaimer: Falls du zu denjenigen gehörst, die um Karneval normalerweise einen riesigen Bogen machen – bitte lies trotzdem weiter. Es geht hier nämlich um viel mehr als nur Pappnasen.
Die „Karnevals-Lösung“?
Auf Social Media bin ich über einen Satz gestolpert: „Ich sage nicht, dass das die Lösung für alles ist … Aber ich war noch nie traurig beim Karneval feiern.“ Ganz ehrlich? Ich fühle diesen Satz nicht zu einhundert Prozent. Er ist mir ein bisschen zu einfach. Also habe ich angefangen, darüber nachzudenken, was hinter der Maske eigentlich passiert. Und ich gebe zu: Ich hatte ordentlich „Bammel“, ob ich überhaupt mithalten kann. Ich kenne die ganzen neuen Hits nicht, und nichts fühlt sich einsamer an, als in einer grölenden Menge zu stehen und nur „Lalala“ zu murmeln.
Wenn die Träne im Kölsch landet
Aber das Wunderbare am Kölner Karneval ist ja, dass man nicht nur wahnsinnig schnell textsicher wird. Es ist diese ganz besondere Gleichzeitigkeit der Gefühle, die mich so berührt hat. Eben noch hüpfst du, lachst und wirfst die Hände in die Luft – und im nächsten Moment liegen wir uns wildfremd in den Armen, schunkeln und singen Zeilen wie „Wenn ich ne Engel bin“ oder „Su lang mer noch am lääve sin“.
Das ist der Moment, in dem die Party zur Andacht wird: Diese Lieder sind so viel mehr als stumpfe Trinkreime. Sie sind ein lautes, gemeinsames Ja zum Leben, das die Trauer nicht aussperrt, sondern sie an die Hand nimmt. Es ist ein tiefes Verständnis dafür, dass unsere Tränen genauso ein Lebenszeichen sind wie unser Lachen – und dass die Verbindung zu denen, die wir lieben, nicht an der Friedhofsmauer endet.
Warum Köln so „verknallt“ in sich selbst ist
Man sagt ja oft, in keiner anderen Stadt ist der Lokalpatriotismus so ausgeprägt (und irgendwie auch cool) wie in Köln. Aber Dom, Rhein und Altstadt sind nicht nur Postkartenmotive. Sie sind, genau wie der Karneval selbst, Symbole für die Ewigkeit.
In der kölschen Seele ist die Erinnerung an die fast vollständige Zerstörung im Krieg immer noch tief verwurzelt. Tod und Auferstehung sind hier kein theoretisches Konzept, sie sind in das Stadtbild und in die Herzen eingraviert. „Viva Colonia“ ist kein arroganter Jubel – es ist ein erleichtertes: „Guck mal, wir leben noch!“ Einmal im Jahr, wenn der Winter geht, müssen wir das einfach spüren.
Kollektive Therapie an der Theke
Es geht also nicht darum, die Trauer zu Hause einzusperren und „auf Knopfdruck“ lustig zu sein. Es geht darum, das Leben in seiner ganzen, unperfekten Fülle anzunehmen. Mit allen Höhen und den verdammt tiefen Tiefen.
Bands wie Kasalla haben diese Gabe, die schweren Themen – Abschied, Verlust, den Tod – mitten in den Saal zu holen. Sie singen vom leeren Platz an der Theke und von der Verbindung zum Himmel. Das ist rheinische Philosophie pur: Der Tod wird nicht weggeschwiegen, er gehört zum Kreislauf dazu. Man feiert nicht trotz der Endlichkeit, sondern mit dem vollen Bewusstsein für sie.
Wenn tausende Menschen mit feuchten Augen „Alle Jläser huh“ singen, ist das eine Form von kollektiver Therapie. Es zeigt uns: Niemand ist wirklich weg, solange wir an ihn denken, über ihn erzählen und auf ihn anstoßen.
Mein Fazit: Wolke 7 und ein bisschen Tod
Ganz intuitiv waren auch unsere Kostüme in diesem Jahr eine Hommage an genau dieses Spannungsfeld: Wir waren unterwegs als Catrinas des „Dia de los Muertos“ und als Wesen auf Wolke 7.
Nach diesen Tagen kann ich sagen: Ich werde nie wieder nicht Karneval feiern. Denn nirgendwo sonst ist es so erlaubt, gleichzeitig traurig, glücklich, dankbar und unendlich lebendig zu sein.
In diesem Sinne: Alaaf auf das Leben!
Ein paar Zeilen zum Nachspüren
von Kasalla
Ich will üch danze sinn
Wenn ich ne Engel bin
Et sull Konfetti rääne op dä Sarch
Ich will üch danze sinn
Wenn ich ne Engel bin
Ich will üch danze sinn op mingem Jraav
Ich will euch tanzen sehen
Wenn ich ein Engel bin
Es soll Konfetti regnen auf den Sarg
Ich will euch tanzen sehen
Wenn ich ein Engel bin
Ich will euch tanzen sehen auf meinem Grab
von Kasalla
Ich wööd su jään met Dir eine drinke jonn (eo eo)
Et jöv su vill ze verzälle (eo eo)
Et letzte Mol is iewig her
Doch dinge Platz he an d′r Thek
Dä bliev för immer leer
Doch ich jläuv daran, dat du uns he sühs (eo eo)
Und ich dräum davun datt du bei uns bes (eo eo)
Doröm hävve mir die Jläser dohin wo die Engel sin
Denn do bes du, luurs uns zo
Doröm alle Jläser huh
Op die Liebe, un et Lävve
Op die Freiheit und d’r Dud
Kumm mer drinke uch met denne die im Himmel sin
Alle Jläser huh!
Alle Gläser hoch
Ich würde so gerne mit dir einen trinken gehen (eo eo)
Es gäbe so viel zu erzählen (eo eo)
Das letzte Mal ist ewig her
Doch dein Platz hier an der Theke
Der bleibt für immer leer
Doch ich glaube daran, dass du uns hier siehst (eo eo)
Und ich träume davon, dass du bei uns bist (eo eo)
Darum heben wir die Gläser dorthin, wo die Engel sind
Denn da bist du, schaust uns zu Darum alle Gläser hoch
Auf die Liebe und das Leben
Auf die Freiheit und den Tod
Kommt, wir trinken auch mit denen,
die im Himmel sind
Alle Gläser hoch!
von Brings
Mer welle, dat in unsrer Stadt,
jeder glücklich weed,
et jit jet, dat mer üvverall,
op d′r Welt versteiht.
Su lang mer noch am lääve sin,
am laache, kriesche, danze sin,
su lang mer noch am lääve sin
Su lang mer noch am lääve sin,
am laache, kriesche, danze sin,
su lang mer noch am lääve sin
Solange wir noch am Leben sind
Wir wollen, dass in unserer Stadt
jeder glücklich wird,
es gibt etwas, das man überall
auf der Welt versteht.
Solange wir noch am Leben sind,
am Lachen, Weinen, Tanzen sind,
solange wir noch am Leben sind.
von Cat Ballou
Et gitt kei Wood, dat sage künnt
Wat ich föhl, wann ich an Kölle denk, who oh oh
Wann ich an ming Heimat denk
Es gibt kein Wort, das sagen könnte, was ich fühle, wenn ich an Köln denke, who oh oh, wenn ich an meine Heimat denke