25 Apr. Grenzgänge: KI in der Erinnerungskultur
Warum das keine Nische ist
Die Messe Leben & Tod in Bremen im April war keineswegs trist oder schwer. Sie war bunt, lebendig und voller ernsthafter Neugier. Vielleicht ist genau das die treffendste Beschreibung für ein Feld, das sich gerade spürbar verändert: Sterben, Tod und Trauer sind keine Randthemen. Sie sind Seismografen dafür, wie wir als Gesellschaft mit Verletzlichkeit, Beziehung, Technik und Endlichkeit umgehen.
Das diesjährige Thema der Messe lautete Grenzgänge. Treffender hätte es kaum sein können. Denn genau dort bewegen wir uns gerade: zwischen analog und digital, zwischen Erinnerung und Simulation, zwischen Entlastung und Überforderung, zwischen technischer Machbarkeit und menschlicher Verantwortung.
KI in der Begleitung: Worum es eigentlich geht
In meinem Workshop zur Frage, wie KI und Erinnerungskultur die Arbeit von Sterbe- und Trauerbegleitenden in den nächsten Jahren verändern könnten, ging es mir weniger um die schnelle Frage, ob man KI nun gut oder schlecht finden soll. Diese Debatte bleibt oft unerquicklich flach.
Spannender ist etwas anderes: Was genau verändert sich eigentlich? Wo entstehen neue Möglichkeiten? Wo kippt etwas? Und welche Haltung brauchen Fachkräfte, wenn digitale Systeme in immer sensiblere Bereiche des Lebens hineinreichen?
Im Workshop haben wir das entlang von Potenzialen, Risiken und Leitplanken sortiert.
Wo KI hilfreich sein kann
Deutlich wurde zuerst das Potenzial: KI kann Erinnerungsarbeit strukturieren, Material ordnen, biografische Fragmente zusammenführen und im organisatorischen Hintergrund entlasten. Sie kann neue Formen der Co-Kreation ermöglichen und Ausdruck erleichtern.
Nicht als Ersatz für Beziehung, sondern als Werkzeug, das unterstützt.
Im Handout zum Vortrag habe ich diese hilfreichen Felder sehr konkret benannt: von Lebensgeschichten, Erinnerungsbüchern und Dokumentation bis hin zu Trauerreden, Familienchroniken, Transkriptionen und der Arbeit mit großen Bild- oder Chatmengen.
Wo es kritisch wird
Ebenso deutlich wurden aber die Risiken. Denn es macht einen Unterschied, ob digitale Technik beim Erinnern hilft oder ob sie beginnt, einen Menschen zu simulieren.
Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig: Erinnerungspflege spricht über einen Menschen und bleibt in der Realität verankert. Digitale Simulation spricht als der Mensch, erzeugt Interaktion im Jetzt und verwischt Grenzen.
Im Handout ist diese Linie sehr klar formuliert, ebenso die Kipppunkte: wenn aus Bewahrung eine Fortsetzung wird, aus Archiv eine Gegenwartsillusion, aus Hilfe eine Ersatzbeziehung.
Vortrag mit so viel Resonanz, dass er weitergeht
Am Dienstag darauf hat sich diese Linie in meinem Online-Vortrag bei der Akademie Regenbogenland noch einmal verdichtet. Der Zuspruch war so groß, dass es am 16. Juni eine Wiederholung geben wird.
Wer beim ersten Termin nicht dabei sein konnte, kann sich also jetzt HIER noch anmelden.
Was Fachkräfte heute wirklich brauchen
Was ich Sterbe- und Trauerbegleitenden im Kern mitgeben möchte, ist keine Technikbegeisterung und auch keine Kulturkritik in Dauerschleife. Es ist etwas Nüchterneres und zugleich Anspruchsvolleres: Orientierung statt Technikexpertise.
Trauer findet längst digital statt – in Fotos, Sprachnachrichten, Social-Media-Profilen und digitalen Nachlässen. Gerade deshalb brauchen Begleitende heute eine Form von AI Literacy, die Grundbegriffe einordnen, psychologische Auswirkungen mitdenken und ethische Grenzfragen moderieren kann.
Im Vortrag habe ich das auf vier Ebenen* gefasst: digitale Grundkompetenz, radikale Präsenz, ethische Moderation und die Bereitschaft, Entwicklungen zu prüfen statt sie vorschnell abzulehnen.
* Quelle: Edilife Studie
Die eigentliche Kernkompetenz bleibt menschlich
Je digitaler Erinnerung wird, desto wichtiger werden Präsenz, Ambivalenzfähigkeit, Sprache und Beziehungsarbeit.
Im Handout formuliere ich es so: Erinnerung wird digitaler, Trauer bleibt menschlich. Diese Spannung halte ich für zentral. Denn nicht alles, was technisch möglich oder kurzfristig tröstlich ist, ist auf Dauer hilfreich.
Zu den Risiken gehören Halluzinationen, verzerrte Erinnerungen, emotionale Abhängigkeiten, Isolation, Datenschutzfragen und die kommerzielle Ausnutzung von Verletzlichkeit. Auch digitale Vorsorge gehört deshalb längst in fachliche Gespräche hinein.
Warum dieses Thema weit über Trauer hinausgeht
Mich beschäftigt dieses Thema aber nicht nur innerhalb der Trauerbegleitung. Es interessiert mich auch, weil sich hier eine größere kulturelle Frage zeigt: Was passiert mit Würde, Erinnerung und Beziehung, wenn digitale Systeme an unseren intimsten Übergängen mitwirken?
Wer glaubt, KI sei nur ein Thema für Tech-Branchen, schaut zu kurz. Gerade in sensiblen Feldern wird sichtbar, was diese Technologien mit Rollen, Sprache, Erwartungen und Wirklichkeit machen.