16 Jan. Von der Ahnenforschung zur Familienchronik mit KI
Was bleibt eigentlich von einer Familie, wenn diejenigen nicht mehr da sind, die noch erzählen konnten. Fotos, Bruchstücke, ein paar Sätze. Was wäre, wenn daraus wieder eine zusammenhängende Geschichte wird, die man gemeinsam anschauen kann.
Vor zwei Jahren startete ich mit Ahnenforschung. Meine Ergebnisse sind bei Ancestry als Stammbaum hinterlegt. Im Zuge der Recherchen habe ich sehr oft mit meinen Eltern über früher gesprochen. Manchmal habe ich daran gedacht, unsere Gespräche mit dem Handy aufzuzeichnen. Manchmal habe ich nur spärliche Notizen gemacht. Großeltern und andere Verwandte, die noch etwas erzählen könnten, gibt es nicht mehr.
Seit über einem Jahr interessiere ich mich für „Trauer & KI“ und bin beim Virtual KI Meeting von VYVYT, Lilli Berger und Anton Krause, dabei. Daraus kam der Impuls, aus all meinen Informationen eine Familienchronik mit KI zu erstellen.
Diese Familienchronik wurde für mich mehr als ein schönes Erinnerungsprojekt. Sie ist ein verbindender Raum. Wenn Verwandte fehlen, wenn Geschichten zu verschwinden drohen oder wenn Generationen nur noch einzelne Bruchstücke kennen, kann so eine Chronik etwas leisten, das im Alltag oft nicht gelingt: Sie macht Herkunft erzählbar und schafft Verbindung.
Wichtig ist mir dabei die klare Grenze: KI ist ein Werkzeug für Form und Struktur. Sie ist keine Wahrheit und sie ersetzt keine Beziehung. Der menschliche Blick, die Auswahl und die Würde der Geschichte bleiben immer bei uns.
Im Labor für Erinnerungsarbeit
refraym ist für mich auch ein Experimentierraum. Ein Lab für Erinnerungsarbeit in einer Zeit, in der sich unsere Möglichkeiten gerade rasant verändern. Ich teste, was passiert, wenn wir Trauer und Erinnerung nicht nur im Gespräch halten, sondern auch gestalten: aus Fotos, Texten, Nachrichten, Sprachnotizen und Geschichten werden verdichtete Formen, die man teilen kann und die Beziehung herstellen.
Dabei bin ich neugierig und kreativ, aber nicht naiv. KI kann Struktur geben, Varianten anbieten, Material ordnen und beim Formulieren unterstützen. Sie kann Erinnerungen zugänglicher machen, besonders über Generationen hinweg. Gleichzeitig sehe ich die Risiken: KI ist kein Beweis, keine Wahrheit und keine Beziehung. Und sie darf vor allem nicht dazu dienen, Verstorbene scheinbar zurückzuholen.
Meine Position liegt bewusst in der Mitte. Ich will herausfinden, was wirkt und was hilft, ohne Verantwortung abzugeben. KI bleibt Werkzeug. Würde, Grenzen und das Menschliche bleiben bei uns.
Neben der Familienchronik beschäftige ich mich gerade auch mit anderen Formen von KI gestützter Erinnerungsarbeit, zum Beispiel mit der Auswertung von Chatverläufen, mehrstimmigen Erinnerungscollagen oder kurzen Ritualtexten. Das kann sinnvoll sein, weil Trauer und Erinnerung oft aus Fragmenten bestehen. KI kann helfen, diese Fragmente so zu ordnen, dass daraus etwas entsteht, das Halt gibt. Nicht als Ersatz für Trauer, sondern als Rahmen für Erinnerung.
Wirkung des Films auf die Familie
Ich will verstehen, was ein KI gestützter Erinnerungsfilm in meiner Familie auslöst: emotional, im Erinnern und im Miteinander. Dafür habe ich die Eindrücke der verschiedenen Familienmitglieder per Fragebogen erfasst. Bewertet wurden Stimme, Musik, Dramaturgie und die Colorierung der alten Fotos. Der Film besteht aus einer Abfolge eingefärbter Fotos, die passend zum Audio eingeblendet werden.
Der Film wirkt wie ein emotionaler Erinnerungsraum, der Vergangenheit nicht nur erzählt, sondern wieder erlebbar macht. Die Kombination aus Musik, Stimme und colorierten Fotos verstärkt Gefühle, ruft Kindheit und Lebensphasen plastisch zurück und lässt Momente lebendig wirken. Besonders stark ist der Effekt, dass unsere Familie als zusammenhängende Geschichte sichtbar wird: Zusammenhalt in Höhen und Tiefen, Respekt, Freude, Humor. Das erzeugt Zufriedenheit, Dankbarkeit, Stolz und Verbundenheit.
Gleichzeitig hat der Film eine klärende und identitätsstiftende Funktion: Für die mittlere Generation bestätigt er Erinnerungen und ordnet Fakten zu einem stimmigen Ganzen. Für die jüngere Generation öffnet er Neugier auf Herkunft und Wurzeln und macht Vergangenheit begreifbar, weil sie nicht als fernes schwarz/weiß erscheint, sondern nah und realistisch. Die KI-Technik tritt in den Hintergrund, wenn sie als neutrale Erzählinstanz funktioniert. Sie kann punktuell ablenken, bleibt aber insgesamt akzeptiert, solange das Ergebnis stimmig ist. In der Essenz ist es ein Medium, das Erinnerung teilt, Beziehung stärkt und Familiengeschichte bewahrbar macht.
Erfahrungen aus dem Prozess
Wer erinnert, entscheidet mit, wie eine Geschichte weitergetragen wird. Das ist Selbstwirksamkeit in der Trauer.
Erinnerungsarbeit ist Teil von Trauerbewältigung. Trauerbegleitende und Bestatter:innen können trauernde Menschen in der KI-gestützen Erinnerungsarbeit unterstützen. Dazu erarbeite ich einen Leitfaden. Meine Learnings aus diesem Projekt teile ich hier gerne (PDF Download).
Rezept für eine Familienchronik
Hier kannst du dir eine kleine Anleitung zur Erstellung deiner eigenen Familienchronik herunterladen. Bitte beachte, dass die KI-Tools sich jederzeit verändern. Dieses Rezept stellt meine Vorgehensweise grob dar und dient als Anregung selbst zu experimentieren. Viel Spaß dabei!
Buche mich für Vorträge und Workshops zum Thema Trauer & KI.
10.04.2026: „Szenarienwerkstatt für eine KI-geprägte Erinnerungskultur“ | Leben & Tod Messe Bremen
14.04.2026: „Wenn Erinnerung digital wird“ | Online Vortrag
Akademie Regenbogenland